Mit Nazis reden
„Traue keinem Interview, das du nicht selbst gefaked hast.“ Oder, wie Who-the-fuck-war-noch-mal-Christian-Lindner sagen würde: Mehr Tom Kummer wagen.
Die Ausgangsfrage könnte naiver nicht sein: Warum machen die das? Und ich meine das wirklich mit aller Arglosigkeit. Warum machen die das? Die könnten doch auch was Vernünftiges machen. So wie ich. Was Vernünftiges machen könnte. Was wollen die? Eine Islam-bereinigte Welt, und dann lösen sie sich auf? Oder - weil sie nun schon gerade mal da sind -: dann bleiben sie trotzdem (wenn man einmal auf den schlechten Geschmack gekommen ist)? Warum erfährt man nichts über die „wahren Motive“? Weil keiner sie fragt? Weil keiner sie richtig fragt? Weil es längst kein unvermintes Terrain mehr gibt für ein unverfängliches, offenes Fragens? Oder gibt es gar kein wahres Motiv, sondern nur einen einmal entfachten Affektsturm, der sich selbst unentwegt weiterbläst – eine Erfolgsgeschichte ohne klaren Anfang und, wie‘s leider aussieht, klares Ende; einmal irgendwie in Gang gesetzt und dann durch Eigenenergie fortlaufend? Und dafür braucht es keine klar benennbare Ideologie, kein „eigentlich wollen die…“? Und weil es (im Wortsinne) kein letztes Wort gibt, haben die Attitüden das letzte Wort? Weil der Content komplett in die Mimik gerutscht ist? Angeekelt gucken wie Alice Weidel, und mehr Kernkompetenz braucht’s nicht? Weil Arroganz sich nicht erklärt, sondern lieber inszeniert? Und die, die verstehen, verstehen eben und auf die anderen ist eh geschissen? Mögen die sich doch mit „man kann nicht nicht kommunizieren“ rumplagen, will sagen: interpretieren, was die angeekelt Dreinblickende uns mit ihren Gesichtsgebärden sagen will. Derweil es die angeekelt Dreinblickende dabei belassen kann, angeekelt dreinzublicken. Eine angeekelt Dreinblickende ist eine angeekelt Dreinblickende ist eine angeekelt Dreinblickende. Und mehr ist vielleicht nicht. Und die Übertragung des bewusst nicht klarsprachlich sein Wollenden ins Verbalkommunikative ist ein Kategorienfehler?
Vielleicht. Nichts an der derzeitigen Diskurslage weist darauf hin, dass es das nicht ist. Trotzdem. Dass es falsch ist, die zu fragen, bedeutet nicht, dass es falsch ist zu fragen. Nur – wen?
Und da kam ich auf eine erstaunliche Antwort: Mich.
Wenn Attitüden reden könnten
Was würde ich an ihrer Stelle tun? Die Stelle wechseln? Gute Idee natürlich, aber nicht hilfreich fürs Projekt. Also nochmal: Was würde ich denken, wenn ich ein – nun ja: nazi-esk veranlagter – Mensch wäre?
Die Gefahr eines solchen Denkens liegt auf der nicht schräg nach oben gestreckten Hand. Was, wenn das Denken im Nazi-Modus aus Versehen identisch wird mit dem Denken derer, die denken, was ich denke, das sie denken? Wenn es identitär wird? Wenn das Verstehen unbemerkt in Verzeihen umzukippen droht? Und wenn es geradewegs auf ein Rabbit-Hole zusteuert, aus dem ich dann nicht mehr remigrieren kann? (Und dieser furchtbare Kalauer wäre bereits ein überdeutlicher Hinweis darauf?)
Man wird wachsam sein müssen, woke am besten, wach im Geiste, zur Rettung des Nichtidentischen, denn, wie wir wissen, ist der Begriff des „Nichtidentischen“ der Platzhalter für das, was inmitten des Bestehenden Ausgangspunkt der Befreiung sein könnte. Schon allein, damit man sich nicht von denen befreien lassen muss, die lieber das Identische zum Ausgangspunkt nehmen.