Alice Weidel profitiert von einem liberalen System, in dem Sie eine Frau heiraten kann, was sie in der Welt, die sie schaffen möchten, niemals könnte. Achillesferse? Kalkül? Wie politisch ist ihr Privatleben? Hier kommt ihre Antwort:

Von der Mös' bis an die Murmel

NB:     Frau Weidel, mit den ersten Fragen beim Interview ist es wie mit dem ersten Satz im Text: Man weiß keinen, und möchte am liebsten mit dem zweiten beginnen. Erst, als ich mir die Frage gestellt habe, warum es überhaupt eine Frage sein muss, fiel mir der optimale Einstieg ein, denn Sie sind – ohne Frage - lesbisch. Und damit sind wir mitten in der Politik – oder nicht, denn das ist die Frage, die wir erörtern wollen.

AW:    Yep.

NB:     Und in diesem Zusammenhang vielleicht doch eine einleitende Frage: Hat jemals ein im Verdacht linksgrüner Versifftheit stehender Journalist so das Gespräch eröffnet?

AW:    Journalist? Nennt man jetzt auch Leute „Journalist“, die sich Ihre Interviewpartner selbst herbeihalluzinieren?

NB:     Da haben Sie Recht. Andererseits befindet sich dieser (sowieso meines Wissens ungeschützte) Begriff eh im freien Bedeutungsfall, seit Johannes B. Kerner…

AW:    Da haben Sie jetzt wieder Recht. Davon abgesehen - solange Sie sich noch über die Vermutung freuen, dass ich mich doch freuen müsste, ist Ihre Freude noch indirekt. Zu angewiesen auf meine Freude, und selbst die müssen Sie mir noch unterstellen…

NB:     Und da haben Sie jetzt wieder Recht … Okay, so weit, so Freundlichkeitenaustausch. Viele meiner Leser fragen sich: Wieso empfindet die Frau, die offen lesbisch sein darf, ohne sanktioniert zu werden, keine Dankbarkeit? Etwa für die Vorkämpfer?

AW:    Erstens wegen der Nebenkosten, vor allem aber: wozu in die Vergangenheit schweifen? Dann muss ich ja auch Adolf Hitler wegen der Autobahnen rühmen.

NB:     Sie meinen den Kommunisten?

AW.    Ich sehe mit Freude, wie sich mein Unsinn bei Ihnen verfängt und somit von denen, denen die von Ihnen gewollte Ironie entgeht, weitertradiert werden kann.

NB:     Also von Ihren Wählern, die Unterkomplexität an sich ja sehr schätzen und jedes Für-bare-Münze-Nehmen für „Endlich-sagt’s-mal-Einer“ halten.

AW:    Unter anderem. Aber gehen Sie mal davon aus, dass der Sinn für uneigentliches Sprechen auch in anderen politischen Spektren suboptimal ausgeprägt ist.

NB:     Zurück zum Lesbentum. Sie meinen also: Fall erledigt.

AW:    Yep.

NB:     Aber Sie wollen doch gerade die Rückentwicklung. Mit jedem diskursiven Schrotschuss, den sie abfeuern, erlegen sie doch vorzugsweise die Erlediger. Anders gesagt, Sie profitieren von einem liberalen System, in dem Sie eine Frau heiraten können, was Sie in der Welt, die sie schaffen möchten, niemals könnten.

AW:    Meinen Sie?

NB:     Ja. Sie profitieren von der sexuellen Befreiung. So ähnlich wie der Finanzkapitalismus, für den Sie tätig waren, von der Globalisierung profitiert, die sie auch auf Nationalstaatlichkeit zurückdrehen wollen. Aber zu diesem Thema hatten wir ja ein zweites Interview verabredet.

AW:    Aber meinen Sie nicht, dass wir langsam genug befreit sind?

NB:     Hatte ich tatsächlich mal gedacht.

AW:    Echt?

NB:     Ja. Echt. Und dann kamen Sie. Und das Rad der Geschichte, dass sie fortschrittsfreudig Richtung Emanzipation des Menschen zu drehen schien, war unverhofft im Morast gelandet.

AW:    Hm.

NB:     Ich hatte gedacht: Die Menschheit hat wieder mal dazu gelernt; sie hat sich wieder einmal von einer kleinen selbstverschuldeten Unmündigkeit erlöst, indem sie die Dinge erlaubt, die Manchem gefallen und Niemandem schaden; sie hat auf der evolutionären Leiter eine höhere Stufe erklommen, oder vielleicht sogar eine gute Position erreicht, und dann meinetwegen weg mit der Leiter, frei nach Wittgenstein. Doch dann kamen Sie, um diejenigen zu verachten, die Ihnen diese Position ermöglichten.

AW:    Woher wissen Sie das?

NB:     Sie befinden sich weder in einem Umerziehungslager, noch wurde Ihnen eine Reorientierungstherapie auferlegt, Sie wurden nicht von einem Koalitionspartner erpresst - natürlich auch, weil niemand mit Ihnen koaliert - und Sie werden auch nicht von unserem Neukanzler ermahnt, Ihre Homosexualität aber bitte nicht auf Kindern auszudehnen, weil für ihn offenbar Homosexualität der Missing Link zur Pädophilie ist.

AW.    Und wieso meinen Sie, dass ich irgendjemand Dank schulde? Ich wäre auch dann lesbisch, niemand das schwule Lebensgefühl ausgerufen hätte.

NB:     Aber könnten Sie es dann so offen zeigen?

AW:    Ich ja.

NB:     Aber als Politikerin müssten Sie sich doch gerade für diejenigen, die vielleicht nicht so selbstbewusst und so stark sind, stark machen.

AW:    Ich muss gar nichts. Ich bin lesbisch. Das ist nicht gut so, weil es auch nicht schlecht so ist, sondern simply Fakt. Diejenigen, die Hilfe brauchen, um ihr Leben so zu leben, wie sie es gerne möchten, die mögen sich diese Hilfe holen. Ich habe kein Problem damit.

NB:     Auch wenn es den Institutionen, die diese Hilfsbedürftigen dann ansteuern, wohl als erstes an den Kragen geht, sobald Sie an die Macht kommen, wie ich mal vermute.

AW:    Sie vermuten richtig. In der „Abteilung für Regierungseffizienz“, die ich einzurichten gedenke, wird man wohl zu der Ansicht gelangen, dass solche Einrichtungen, die nur Geld kosten, auf den Prüfstand gestellt gehören.

NB:     Sehen Sie, das meinte ich.

AW:    Aber das bedeutet nicht, dass die betreffenden Institutionen jetzt nicht doch noch eine gewisse Berechtigung haben. Solange die Politik nicht gut ist, geht es eben auch dem Volk nicht gut, also braucht es Institutionen, die es, wenn es ihm dann gut geht, nicht mehr braucht, ist doch logisch.

NB:     Und das ändert sich ja, wenn es nach Ihnen geht, wieder 33…

AW:    Wieso wieder? Was ich sagen wollte: Ich mache doch kein Programm aus dieser kleinen Veranlagung, die im Portfolio meiner zahlreichen schätzenswerten Attribute nur eins von vielen ist. Ich mache doch aus einer winzig kleinen sexuellen Abweichung keine Philosophie. Ich bin ein Kind meiner Zeit, mit allen Vorteilen und auch ein paar Nachteilen. Vor allem aber mit einem Gespür dafür, dass es so ist. Man muss nicht aus jeder Schädigung gleich eine Ideologie machen. Selbst der linksradikale Max Goldt weigerte sich einmal, aus einem, wie er es nannte, „unterhaltsamen Defekt“ eine Weltanschauung zu machen.

NB:     Linksradikal? Da schmiedet wohl jemand das Hufeisen, solange es heiß ist…

AW:    Soweit ich weiß, publizierte er in einem Blättchen namens „Titanic“.

NB:     Wo er als vergleichsweise konservativ geführt wird. Und auch, wenn er nur konservativ in einem eher linken Milieu war, passt doch linksradikal keineswegs.

AW:    Mir aber in den Kram. Jedenfalls: So funktioniert toleranter Rassismus. Ja, auch ich habe meine kleinen unterhaltsamen Defekte. Übrigens bin ich mir bei Max Goldt nicht sicher, ob er das mit dem Defekt wirklich ernst meint – wie sollte er, wo er doch unter die Toleristen geraten ist, die ihn zu seiner Homosexualität beglückwünschen, als wäre sie eine Leistung? Jedenfalls würde ich, könnte ich mir meine Sexualität aussuchen, jederzeit Heterosexualität wählen.

NB:     Und Ihre Frau?

AW:    Die könnte ich ja auch ohne Begehren lieben. Was sind Sie denn so verklemmt monogam? Ich hätte vielleicht einen Mann, wenn ich einen fände, der’s wert wäre, und ich hätte zusätzlich noch meine Freunde und meine Freundinnen, und unter denen wäre sie dann meine Geistesverwandte, mit der ich mich gehaltvoll austauschen könnte. Was bekanntlich auch ohne Muschi geht.

NB:     Aber sehen Sie nicht trotzdem einen Widerspruch? Zwischen dem Leben, das Sie führen, und dem, was Sie politisch vertreten? Der ganze Volkszorn, den Sie so gerne bemühen und befeuern, beruht doch darauf, dass Minderheiten und Randständige stigmatisiert werden.

AW:    Nachdem sie zuvor heilig gesprochen wurden. Ausgleichende Gerechtigkeit.

NB:     Die ihrerseits selbst als ausgleichende Gerechtigkeit gestartet ist. Nur mit dem Unterschied, dass sie mehr auszugleichen hatte, weil jahrhundertelange Verfolgung und Ermordung und Vergasung von Homosexuellen schlimmer sind als das bisschen überschüssige Freude bei denen, die sich immer noch über Anerkennung freuen. Außerdem kann man aus einer Demo ja eine Party machen.

AW.    Trotzdem ist es irgendwann mal gut.

NB:     Und die, die es nicht gut sein lassen, die sowiesogehassten Grünen, sind der Hauptfeind, nehme ich an.

AW:    Die Grünen sind eigentlich nur Zwischenstation im Feindgewinnungsprojekt. Aber politisch eben darum naheliegend. Sie bündeln Kräfte, die jenseits ihres Zu-Politik-Machens eben genau das nicht mehr sind: Kräfte.

NB:     Was meinen Sie damit?

AW:    Richtig gesägt werden die Nerven nicht unbedingt von grünen Politikern, die beim Christopher Street day mittanzen, auch wenn es schwerfällt, diese, wie hieß die, the swinging Warze…

NB:     Sie meinen Claudia Roth? Swinging Warze, ich wusste gar nichts, dass Sie so flott formulieren können.

AW:    Kann ich ja auch nicht. Jedenfalls Claudia Roth, die meine ich.

NB:     Aber ist das dann nicht das Problem von Boulevard, von Bild bis RTL, die ihre Toleranz nur übers eigene stetig versendete Klischee zu fassen vermögen? Über Schwule, die dann aber bitte auch schwuchteln - wozu sie mutmaßlich angeleitet werden, wie bei, ich schmeiße die immer durcheinander, Vera van Veen oder Inka Int Bause, wo eben auch die Bauern, die eine Frau suchen, auf möglichst hinterwäldlerisch getrimmt und ggf. mit Hasenzähnen nachgerüstet werden, damit jeder sieht: ja, wir machen einen auf Toleranz, vordergründig, wenn das halt nun mal der Zeitgeist ist, aber eigentlich machen wir was ganz anderes – uns lustig.

AW:    Mag sein.

NB:     Ist übrigens in dieser Ambivalenz auch durchaus zukunftsklug. Wenn Sie dann doch mal mit Jens Spahn im Beiboot an die Macht kommen, kann RTL sagen: wir wollten uns doch nur lustig machen bzw. den Volkszorn durch wokistsiche Übererfüllung bedienen. Satire à la Baudrillard oder so.

AW:    Meinen Sie?

NB:     Sich als Medienunternehmen für beide Option bereithalten? Unbedingt. Wenn‘s dann doch mal wieder Richtung woke oder anständig kippt, dann bemüht man eben weiterhin um ein paar Quotenschwule, um Diversity auszustellen.

AW:    Sie meinen, so wie bei Merkel?

NB:     Merkel?

AW:    Ja. War eben nicht in der Sozialistischen Einheitspartei, sondern pseudo-oppositionell in der Ost-CDU, damit sie, für den damals unwahrscheinlichen Fall, dass das System zusammenbricht, sagen kann: Ich war ja gar nicht richtig dabei, sondern ich wollte das System von innen reformieren - und wie diese wendehalsstarren Redensarten eben so heißen. Davon abgesehen stimme ich ihrer Diagnose zum sogenannten Unterschichtenfernsehen zu. Für den Politiker in seinem Wirkungsfeld ist alles politisch, und die Grünen sind, wenn Sie so wollen, last exit RTL. Und, Sie haben es ja bereits angedeutet, wenn wir dann 2029, spätesten 33 Deutschland great again machen, dann wird auch das Unterschichtenfernsehen mitmachen. Dem Trash, da haben Sie Recht, geht es nicht primär um Trash, sondern um Cash.

NB:     Und wenn Sie dazu mit den Wölfen und nicht mehr mit den Schafen heulen müssen, dann tun sie das.

AW:    Zurück zu der Vorbildfunktion, die sie mir aufnötigen wollen. Wenn ich es anderen schwermache durch den Widerspruch, den ich angeblich lebe (und zwar einfach nur, indem ich lebe, und zwar so, wie es mir gefällt) – warum soll ich es mir dann schwer machen, indem ich es denen, die es sich damit schwer machen, leicht mache?

NB:     Indem Sie ableugnen, dass Sie profitieren?

AW:    Auch. Denn wenn ich zugebe, dass ich profitiere, profitiere ich ja nicht mehr. Der moralische Gewinn fällt dann denen zu, die mir das Profitieren ermöglicht haben. Aber ich profitiere ja auch nicht. Ich bin nur. Lesbisch. Also verhalte ich mich lieber wie mein schwuler Parteifreund XY: Die anderen, die sich verrenken, weil sie natürlich nichts gegen Homosexualität haben, sondern nur was gegen mich, die aber nicht wissen, wie sie das jetzt möglichst PC-haft formulieren sollen, weil sie natürlich viel zu woke und verskrupelt sind, um dieses strategische Pfund „sie lebt ein Leben, das sie unter ihrer eigenen Kanzlerschaft nicht führen dürfte“ einzusetzen? Oder, wie XY es nennt: die anderen haben die Magenschmerzen, wir die Hämorrhoiden.

NB:     XY. Kenn ich den?

AW:    Keine Ahnung. Und wenn Sie mir jetzt den Namen entlocken wollen oder meinen, er solle dazu stehen, oder was weiß ich was – nein. Kann er tun, kann er lassen. Das meine ich damit. Seine Defekte sind sein Privatvergnügen, Hauptsache, er macht gute Politik, und die macht er. Er ist ja bei uns.

NB:     Versteht sich…

AW:    Oder anders: Verstehe. Dass ich mein Leben lebe, wie ich es mag, kann man auch als eine Art hedonistischen Aktivismus betrachten, Wo andere Plakate entwerfen, sich Tee-pustend durch langweilige Sit-ins öden, und anschließend bei Wind und Wetter tapfer was gegen vermeintliche Nazis skandieren – da muss ich nur ficken.

 

 

Die Sei-unberechenbar-Paradoxie

 

Wir befinden uns im Jahre 2025 n. Chr. Die ganze Menschheit ist biometrisch erfasst … Die ganze Menschheit? – Da ist der Verfasser vor. Glaubt er.

 

Jedes Zeitalter bringt seine eigenen, bis dahin undenkbaren Glücksmomente hervor. Neulich - vorm Duschen-Zähneputzen-Kaffee-Aufsteh-Komplex jetzt noch immer: was sagt das Smartphone? – begann der Tag mit einer Amazon-Empfehlung: ich solle doch mal was von den Toten Hosen kaufen, und ich schwang mich aus dem Bett wie einer, der ein so beglückendes Leben führt, dass er es nicht abwarten kann, endlich damit anzufangen.

 

Tote Hosen? Was für ein hinreißender Fehlgriff, dachte ich, nimm das, du aufgeblasener Algorithmus, das kommt davon, wenn man als Kleines Einmaleins übergriffig wird und in die unergründlichen Geschmacks-Inkommensurabilitäten eines Niklas Buhmann einzudringen versucht, der natürlich in Wirklichkeit ganz andere Sachen hört.

 

Tote Hosen, das war wirklich drollig. Nun muss ich allerdings kurz einwenden, dass ich in Popfragen nicht sehr geschmackssicher bin. Ein absolutes Gehör – und ich meine das ausdrücklich unkokett – ist für eine gesunde Popsozialisation eher hinderlich, da zu viel Wert auf Musik und eben zu wenig auf Pop gelegt wird. Zwar habe ich mir zu Schulzeiten immer von den jeweils meinungsführenden Diederich Diederichsens in spe und dann, später, auch vom Original erklären lassen, worum es wirklich geht, aber, um ehrlich zu sein, das Meiste habe ich nicht kapiert. Zumindest bin ich nicht in der Lage, das vielleicht doch anteilig irgendwie Begriffene in eine konkrete Wertschätzung konkreter Musik zu überführen – worum es bei Pop aber vermutlich auch gerade nicht geht: Pop meint dann wohl eher einen Sound-Lifestyle-Persönlichkeitskult-Pose-Stellvertreterleben-,-das-auf-seine-Hörer-abstrahlt-Hybrid, der so gesehen also mehr ist als ein Sound, der er aber gleichwohl auch ist, und an der Stelle setzt dann meine Abneigung der Toten Hosen an. Vielleicht sind die Toten Hosen für meine Generation das, was Kurt Edelhagen oder Max Greger für die meiner Eltern waren und was (jetzt schwimme ich etwas) vielleicht die Hermes-House-Band für die Event-Nightlifer von heute ist: eine Band, die das Vorliegende (die sog. „Evergreens“) in die maßgebliche Tonsprache ihrer Zeit kleistert. Es gewissermaßen „auf den objektiven Stand des Materials“ hievt, um mich dann mal gleich ganz zu überheben und Adorno eine Grabrotation für diese Fehlanwendung zu verpassen, die sich erstens gewaschen und zweitens schon geradezu Amazon-Empfehlungs-Niveau hat. – Tote Hosen: Schlager im Punkgewand. Kann man ja mal doof finden, wenn kam gerade nicht zu tun hat.

 

Ich startete dann also in den Tag, der mich so freundlich beschmeichelt hatte, dass ich selbst es auch tat: vielleicht sind die Grenzen der Biometrisierung ja tatsächlich da, wo sich der Geschmack erst einmal ausdifferenziert hat. Man kann dem Durchleuchtetwerdterror also durch gustatorische Spezifikation entgehen. Beethoven, Mahler – bei mir dann vor allem: viel spätes 20. Jahrhundert – darin steckt so viel Mathematik (meine Lieblingsdefinition von Musik: Musik ist flüssige Mathematik) -, dass jede Form von Mustererkennung an ihr zuschanden gehen muss.

 

Und wer so denkt, hat das Folgende nicht besser verdient: Mathematik, die aus Komplexitätsgründen ihrer eigenen Mathematisierung entgeht? Alan Turing, der das zu seiner Zeit bereits waltende Problem der restlosen Mathematisierbarkeit des Menschen und seiner vollständigen Ersetzbarkeit durch Computer immer wieder durchgekaut – und vor allem eben: durchgerechnet - hat, war da schon weiter: „Wenn man genau sagen kann, was Computer nicht denken können, dann kann man auch ein Programm schreiben, das sie eben dies denken macht.“

 

Was also, wenn die dies und wer weiß was noch alles denken könnenden Algorithmen schlauer sind als ich? Und mich auf einer Ebene durchleuchtet haben, die mir selbst gar nicht bewusst ist? Dass mir da jetzt so spontan keine einfällt, spricht dann nicht dagegen, sondern zeigt im Gegenteil erst, wie viel kalkulatorische Raffinesse am Werk ist.

 

Es könnte ja sein, dass ich wegen meiner Unfähigkeit, aus Geschmacksunterschieden die richtigen Distinktionsgewinne zu ziehen, irgendeinem falschen Authentizismus aufgelaufen bin, und dass sich die Toten Hosen zu Punk eben doch anders ins Verhältnis setzen als Max Greger zu Swing, oder Gunther Gabriel zu Johnny Cash; weil Punk primär als Haltung zu verstehen ist, und als solche eine gewisse, grundsätzliche Angepisstheit meint (dazu eine doppelte: die sich gegen das Establishment ebenso richtet wie gegen Kritik-Routine gewordene Anti-Establishment-Musik, oder so). Punk hätte also einen höheren „Verrat-Faktor“ - Punkmusik rein musikalisch aufzulösen brächte demnach noch weniger als es bei Rockmusik oder Ska oder New Wave der Fall ist, die sich von vorneherein in die Popmusikevolution einschreiben und nicht als reines Verweigerungsprojekt begreifen und wichtig nehmen.

 

Was mich dann fast elegant zum Algorithmusproblem zurückbringt, denn es gibt noch eine zweite, deutlich verstörendere Möglichkeit von „Wahrheit, die tiefer geht als meine Selbstwahrnehmung“:

 

Mein höchstpersönlicher Resilienzfaktor

 

Algorithmenkonferenz. Thema des Tages: Niklas-Breefing. Wie ist der, und wenn ja, wie viele Rechenoperationen braucht es zur Totalerfassung? Tummelt sich gern beim juste milieu rum. Springer dagegen wird kaum frequentiert, und wenn, dann vermutlich Antidot-halber. Hält sich also wahrscheinlich für einen kritischen Geist. Wollen wir dann mal nicht so sein? Nähren wir seine Illusion, ein Querdenker zu sein, ein nicht zu erfassender, im buchstäblichen Sinne eigen-sinniger Charakter? Ein Mensch mit Persönlichkeit quasi? Okay. Bauen wir also ein paar bewusste Fehler in unsere Kalkulation ein. Irren wir uns, sagen wir, einmal pro Monat ganz entschieden, dann freut er sich und kommt nicht etwa wieder auf die Idee, uns zu boykottieren.

 

Man muss also nur für das, was wider- und randständig ist (oder sein will), eine Formel finden. Einen Resilienzfaktor berechnen, den Eigensinn-Koeffizienten ermitteln, den Auflehnungscode entschlüsseln. Und schon hat einen das biometrische System wieder. Des Widerspenstigen Zähmung durch Zählung: Es gibt für alles eine Formel.

 

Und die ist dann Grundlage für eine genau auf mich zugeschnittenen Quote, nach der ich in einem exakt berechneten Rhythmus mit gezielten Fehlempfehlungen zu traktieren bin. Heute freue ich mich über die Toten Hosen, nächsten Monat schmunzle ich geschmeichelt darüber, dass mir Andres Bourani angetragen wird, und weil Weihnachten das Fest der Freude ist, gibt’s gleich als Prime-Time-Top-Supersupertoll-Angebot ein komplettes Fanpaket mit den schönsten Fröhlichkeitskreischern von Andrea Kiewel.

 

Und das alles zur Aufrechterhaltung der Einbildung, meine sorgfältig ausgefranzte Persönlichkeit habe es mal wieder vermocht, dem System ein gewaltiges Schnippchen zu schlagen. – Selbstzufriedene Kunden sind schließlich die besten Kunden. Also muss man ihnen so viel Honig ums Maul schmieren, bis dieser dann irgendwann unwiderruflich in den Kopf gewandert ist.

 

 

 

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.